Ich selber hatte mein ganzes Leben immer nur die Erfahrung gemacht, dass ich bevormundet, gegängelt, gedrängelt oder sonst wie reglementiert wurde. Ein liebevolles sich für mich einsetzen kenne ich nicht. Nie habe ich das Gefühl, dass ich mal schwach und zart sein darf. Zartheit und Stärke schließt sich fast aus. Fast – weil ich es in den letzten Jahren hin und wieder mal selber an mir erfahren habe. Bedürftigkeit ist mir ein Greul. Liebe ,die mit einer Art Betreuung begleitet wird,  der Horror. Mein Bruder war mal mit einer Frau zusammen, die sehr betreut wurde, weil sie nichts alleine machen konnte, für alles musste meine Bruder parat sein und einspringen . Selbst ein krankes Tier zum Tierarzt bringen vollkommen unmöglich für diese Frau. Hinzu kam eine sehr starke Bedürftigkeit ihrerseits. Heute mit all meinem Wissen kann ich nachvollziehen, warum sie so war – aber damals hat mich diese „betreuende Bedürftigkeit“ so unglaublich angewidert.

Ich selber wünsche mir manchmal einfach mal kurz Schwäche zeigen zu dürfen und  mich mal kurz anlehnen zu können. Auch mal Schwäche zeigen zu dürfen, ohne das die Schwäche gleich ausgenutzt oder gegen mich verwendet wird. Das kenne ich nicht. Ich mag es nicht, wenn man mir einfach etwas aus der Hand nimmt und es für mich erledigt. Wenn man mir sagt, was ich tun oder lassen soll, kriege ich schon Magenschmerzen. Sagt mir jemand ich solle etwas nicht essen oder mischt sich gar irgendwie sonst in mein Essverhalten ein, wird garantiert angeblufft. Wenn man mich fragt, ob ich Hilfe brauche – dann ist Spielraum da um etwas annehmen zu können, dann habe ich den Raum die Hilfe für mich passend eingrenzen zu können. Neulich fragte ich ein Person, wie man ein Schanier an einer Weinkiste anbringen kann und wie ich am schonensten einige tief versenkte Heftzwecken aus der Kiste lösen kann. Im nächsten Augenblick in dem ich nicht hinschaute, war die Kiste weg und die Person hatte alle Fragen nicht beantwortet, sondern die Heftzwecken entfernt und die Löcher beigeschliffen. Ich weiß, das war gut gemeint, aber ich wollte es doch machen. Ich habe mich anschließend zwar bedankt, aber dabei wollte ich es nicht aus der Hand genommen bekommen. Hätte mich diese Person gefragt, ob sie das machen soll, hätte ich eine Freiheit gehabt und dann wäre auch alles in Ordnung. Als ich noch jung war und noch bei meinen Eltern lebte, wollte ich mein Zimmer streichen. ICH wollte es tun. Mein Vater wollte mir helfen und ich habe gesagt, dass ich es tun wollte. Danach hat mein Vater zwei Wochen nicht mit mir geredet. Als ich nach der Streichaktion Muskelkater hatte, kam von meinem Vater die patzige Antwort „selber schuld, ich wollte es ja machen“. Das ist nicht das auf mich aufpassen, was ich will.

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